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Co-Parenting: Wie der Traum vom Elternsein auch ohne festen Partner:in in Erfüllung gehen kann

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Das klassische Modell der Familie: Mutter, Vater und Kind. Doch was gibt es darüber hinaus? Ist eine Paarbeziehung der einzige Weg eine Familie zu gründen? Nein! Dass die Liebe oftmals nicht ausreicht, wird durch hohe Scheidungsquoten und die Vielzahl an Trennungen deutlich. Co-Elternschaft oder Co-Parenting ist eine immer beliebter werdende Alternative für erwachsene Menschen, unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung, gemeinsam ein Kind zu bekommen und großzuziehen. 

Co-Parenting oder die Co-Elternschaft beschreibt per Definition die Familiengründung, bei welcher sich Erwachsene ganz gezielt zusammentun, um ein Kind aufzuziehen, ohne dabei gleichzeitig eine Partnerschaft einzugehen, wobei die Eltern in der Regel in getrennten Haushalten leben. 

Wir haben mit Ina gesprochen - sie zieht ihr Kind gemeinsam mit einem schwulen Paar auf und lebt das Modell des Co-Parentings.  

*Namen von der Redaktion verändert

Marina: Hallo liebe Ina, schön, dass wir miteinander sprechen können und du uns an deinen Erfahrungen und auch deinem Leben teilhaben lässt.

Ina: Sehr gern, ich habe sowas noch nie gemacht und bin schon sehr gespannt. 

Marina: Wir kennen uns beruflich schon länger. Als ich damals von deinem Familienmodell erfahren habe, fand ich es super spannend, weil ich mir gedacht habe, es gibt bestimmt sehr viele Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind und keinen passenden Partner finden, aber trotzdem gerne Kinder möchten. Ich habe mich immer gefragt: Was hat dich dazu bewegt und wie bist du zu diesem Familienmodell gekommen?

Ina: Ganz genau kann ich es nicht mehr sagen. Für mich war es damals so, dass ich schon fast 41 Jahre alt war und ich bin immer davon ausgegangen, dass ich irgendwie ein Kind haben werde. Und dann dachte ich: Na ja, so wie du es dir ursprünglich vorgestellt hast, mit du lernst jemanden kennen und ihr habt ein paar Jahre Zeit euch auf Herz und Nieren zu "prüfen", die Zeit hast du nicht mehr. Das Modell ist irgendwie abgelaufen. Und jetzt musst du dir eine Alternative überlegen oder dich mit dem Gedanken, kinderlos zu sein, anfreunden. 

Marina: Diese Erkenntnis ist sicher auch nicht einfach anzunehmen. 

Ina: Ja, total. Eine Freundin von mir ist alleinerziehend und ich habe oft gedacht, es ist schon krass, was sie alles hinkriegt. Du musst es nur wollen - überlegen, wie sehr du ein Kind willst, was du bereit bist dafür in Kauf zu nehmen und wie du das alles hinkriegst. 

Marina: Dann hat dich eine alleinerziehende Mutter sozusagen inspiriert?

Ina: Ja und nein. Mir war dann super schnell klar, dass ich nicht alleinerziehend sein wollen würde, weil ich glaube, ich bin nicht so leidensfähig. Zur Not würde ich es schaffen, aber letztendlich ist das auch einer der Gründe, warum ich sage, dass das Modell des Co-Parentings für mich so gut passt, weil es mich unterstützt und mir gleichzeitig viel Raum für mich lässt.

Mir war bzw. ist wichtig, dass das Kind seinen Vater kennt, dass der Vater eine Rolle in dem Leben des Kindes spielt und dass er das Kind auch haben will. So richtig auf die Idee bin ich über eine Dokumentation gekommen, in der eine amerikanische Regisseurin sich selbst dabei gefilmt hat, wie sie die Idee hatte, einen Freund zu fragen, ob er ihr Samenspende sein könnte. Er hat es gemacht und sie hat sich dann die ganze Schwangerschaft durch dokumentiert und hat auch Frauen interviewt, die das auch gemacht haben. Und was ich da ganz interessant fand, neben diesem Weg, den sie gegangen ist, war auch, dass einige Frauen gesagt haben, dass dieses ganze Thema Dating für sie danach einfacher geworden ist. Wenn du so Ende 30 bist und du lernst jemanden kennen, dann ist den Männern irgendwie sofort klar, da tickt die biologische Uhr und das schlägt dann auch ziemlich viele in die Flucht. Ich glaube, dass es dann, wenn du halt schon ein Kind hast, es eigentlich fast einfacher ist, weil dieses, da muss jetzt möglichst schnell Familie her, erstmal wegfällt. Und das leuchtete mir auch irgendwie ein. 

Ich dachte, dass es für mich nur mit einem schwulen Mann infrage kommen würde, weil ich das ganze Thema der Paarbeziehung von vornherein komplett ausschließen wollte. Ich habe mich dann ein paar Monate mit dem Gedanken beschäftigt, weil ich nie jemand war, der unbedingt ein Kind des Kindes wegen haben wollte. Aber ich dachte, ich möchte auch nicht da stehen und sagen: Ach ja, ich hätte es ja gewollt, aber dann ist halt dummerweise der Zug ohne mich abgefahren. Ich wollte die Entscheidung aktiv für mich treffen. 

Marina: Nachvollziehbar und du warst auch immer beruflich sehr erfolgreich, das muss man natürlich auch dazu sagen. 

Ina: Lacht, - ja, ich war beruflich immer sehr eingespannt, das kam damals auch so ein bisschen dazu. Bei meinem früheren Arbeitgeber war die Taktung sehr hoch. Als ich dann gewechselt bin, gab es viel weniger Druck und der Stressfaktor war deutlich geringer. Ich glaube, wenn ich unter dem Druck von früher gestanden hätte, hätte ich diesen Raum im Kopf, ich will ein Kind, nicht gehabt. 

Marina: Und wie ging es dann weiter?

Ina: Ich habe in den nächsten Monaten versucht, mir das so weit wie möglich alles vorzustellen. Und ich war dann auch bei einem Freund von mir, der Familien Rechtsanwalt ist. Er hat mir dann erklärt, wie die rechtliche Situation aussieht. Und die rechtliche Situation ist eigentlich gar nicht anders als bei anderen unverheirateten Paaren. Man muss sich überlegen, ob man das Sorgerecht teilen möchte oder nicht. Als Frau hast du ja alle Möglichkeiten. Ich hätte auch in dem Moment, wo ich schwanger bin, sagen können: Das war sehr nett, du hast das Kind jedes zweite Wochenende und ich hätte jetzt gerne Alimente. Bei meinem Kind haben der Kindsvater und ich das Sorgerecht schon sehr früh in der Schwangerschaft geteilt, auch weil ich das einfach als fair empfunden habe, dass er auch weiß, dass ich ihn nicht über den Tisch ziehe.

In einem Fernsehbericht, den ich gesehen habe, wurde eine Familie porträtiert, ein lesbisches Paar und ein schwuler Mann. Und da stand dann, dass sie sich auf der Website Family-Ship.org kennengelernt haben und da habe ich mich dann einfach mal angemeldet. Da kannst du dir im Prinzip alles aussuchen bzw. konntest du. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Damals konntest du dir einen reinen Samenspender suchen, einen sogenannten Vater mit Onkel-Funktion, der ab und zu mal vorbeikommt, einen Gleichberechtigten Vater und du konntest auch sagen, du hast Interesse an einer Beziehung. Und da habe ich dann halt von Anfang an bei homosexuellen Männern geschaut und war auf den ersten Blick tatsächlich sehr positiv überrascht, was für gute Männer in Anführungsstrichen man dann da fand. 

Marina: Gut im Sinne von, im Leben stehen?

Ina: Ja, also ich hatte Angst, dass da Männer sind, die Mitte 50 sind und sich überlegt haben, dass es doch ganz nett wäre, wenn sie ein Kind hätten. Und dann wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Ich habe dann angefangen mit ein paar Männern zu schreiben und mich dann mit dem ersten Mann getroffen, der, wie sich herausstellte, im Haus neben mir wohnt. Da dachte ich dann, das muss ein göttliches Zeichen sein. 

Marina: Wie läuft so ein Treffen ab?Gab es Themen, auf die du besonders geachtet hast?

Ina: Es war immer sehr locker. Ich habe bei den Treffen versucht, so ein paar Fragen zu stellen, wo man rauskriegt, wie der andere so tickt, z.B. über Themen wie Ernährung oder Impfungen. Ich habe zum Beispiel immer gefragt, wie wichtig gesunde Ernährung für denjenigen ist. Weil es mir auch wichtig war, mit dem auf einer Wellenlänge zu liegen.  

Marina: Und beim Ersten hat alles gestimmt, hat sich das göttliche Zeichen bewahrheitet?

Ina: Er war sehr nett, aber ich dachte einfach: Ich kann jetzt aber nicht den ersten nehmen, sondern muss auch noch mal schauen. Dann habe ich noch einen anderen getroffen und dann Paul*, den Kindsvater, also nicht so viele. 

Marina: Wie hast du dann für dich eine Entscheidung getroffen?

Ina: Ich habe immer versucht, mögliche Konfliktpotentiale anzusprechen und bei Paul hat für mich bzw. für uns einfach sehr viel gestimmt und wir waren bzw. sind auf einer Wellenlänge. Paul hat selbst schon sehr lange nach jemanden gesucht und auch schon sehr viele Frauen getroffen. Er war super durchdacht und er hatte für sich schon gesagt, dass die Person z.B. auf jeden Fall hier in der Nähe wohnen muss. Womit er auch total recht hatte. Er und sein Partner wohnen jetzt zwei Straßen weiter und das ist einfach super praktisch. Über solche Sachen habe ich zu dem Zeitpunkt einfach noch gar nicht nachgedacht.

Marina: Und wie liefen die ersten Treffen ab?

Ina: Paul und ich haben uns am Anfang alleine getroffen. Paul war und ist in einer Beziehung mit Tom*, die beiden leben auch zusammen, aber beim ersten Treffen waren wir alleine. Ich habe Tom dann aber sehr schnell kennengelernt. 

Marina: Aber der Kinderwunsch war nur von Paul?

Ina: Nein, den hatten sie beide, aber Paul ist der biologische Vater. Ich hatte mir aber auch nie Gedanken über den potenziellen Partner gemacht und war sehr auf den Kindsvater und wer er ist, fixiert. Also war mir schon wichtig, dass sein Partner mir sympathisch ist, aber mein Augenmerk lag immer sehr auf Paul. Das finde ich im Nachhinein falsch, wenn man sich anschaut, was für ein Verhältnis unser Sohn Max* zu Tom hat – er ist sehr auf ihn fixiert und ich glaube nicht, dass es für ihn einen Unterschied zwischen Papa (Paul) und Papi (Tom) gibt.

Marina: An ein schwules Paar hattest du damals gar nicht gedacht?

Ina: Nein, irgendwie nicht. Ich kann heute auch nicht mehr genau sagen warum. Mir war damals so, Hauptsache, der biologische Vater ist irgendwie ein Okay-Typ und wenn er noch einen Partner hat, hat das Kind halt zwei Väter. Aber das war mir irgendwie nicht so wichtig! Jetzt merke und sehe ich durch Max, dass es ganz anders läuft. Ich habe damals auch gedacht, dass ich dieses ganze Risiko von Trennung ausgeklammert habe. Wir sind ja von vornherein getrennt. Und jetzt denke ich: Wenn Paul und Tom sich trennen würden, wäre das wahrscheinlich für Max genauso schlimm, wie wenn Eltern sich trennen würden. Ich gehe natürlich nicht davon aus, dass sie sich trennen, aber es liegt nicht in meinem Einflussbereich.

Marina: Wenn du jetzt einen Rat geben würdest, dann dass man da doch genauer hinguckt, wenn da eine Person ist, die in einer Beziehung ist? 

Ina: Ja, ich glaube, es ist super wichtig zu wissen, was für eine Einstellung dieser Partner zu dem Thema hat. Zum Beispiel der erste Typ, den ich getroffen habe, der hatte mit seinem Partner noch gar nicht darüber gesprochen. Damals war ich ja wie gesagt auch noch ein bisschen blauäugig und dachte, das ist dann ja sein Problem. Heute weiß ich, dass es absolut nicht funktionieren würde. Wenn die zusammenleben, ist klar, dass dieser Partner Teil der Familie ist und die gleiche Rolle für das Kind spielt. Ich weiß auch nicht, ob Max versteht, was der Unterschied zwischen Papa und Papi ist - also dass er versteht, dass er mit dem einen verwandt ist und mit dem anderen nicht. Max hat bisher auch noch nie gefragt, warum andere Kinder nicht zwei Väter haben. Wir haben eine alleinerziehende Mutter in der Kita und da hat er neulich mal gefragt, ob das Kind dann auch einen Papa hat und warum der nie da ist, aber er hat noch nie gefragt, warum er zwei Väter hat. 

Marina: In deinem Fall also Glück gehabt.

Ina: Lacht - Ja. Ich glaube, ich habe tatsächlich an sehr vielen Stellen irgendwie sehr viel Glück gehabt, weil ich mir bei vielen Sachen nicht so viele Gedanken gemacht habe, aber zum Glück hatte Paul dies schon getan.

Marina: Und die Befruchtung erfolgte dann via künstliche Befruchtung? 

Ina: Ja, es war eine Insemination,also kein in vitro. 

Marina: Wann seid ihr ins Kinderwunschzentrum?

Ina: Zum ersten Mal sind wir nach ca. drei Monaten in ein Kinderwunschzentrum gegangen. Ich bin tatsächlich davon ausgegangen, dass das quasi sofort klappt, wenn man gesund ist - und als das dann nicht so war, war ich schon sehr irritiert. Bei uns hat es insgesamt fünf Versuche gebraucht.

Marina: Wie war dann deine Schwangerschaft?

Ina: Ich habe Glück gehabt und hatte eine mega unkomplizierte Schwangerschaft bis zum Schluss. Und die Jungs waren bei allen Vorsorgeuntersuchungen dabei. Sie haben mir auch ständig gesundes Essen vorbeigebracht. 

Marina: Du warst also gut versorgt und wurdest ein bisschen wie bemuttert?

Ina: Ja, sehr und ich fand es toll. 

Marina: Gab es während deiner Schwangerschaft oder vorab etwas - ein Ereignis oder eine Situation, die euch geprägt bzw. beeinflusst hat?

Ina: Jein - indirekt. Mein Rat an die Männer in diesem Setup ist aber, dass Man(n) wissen sollte, dass für die heterosexuelle Frau dieses Modell die zweite Wahl ist. Die meisten heterosexuellen Frauen haben sich wahrscheinlich schon vorgestellt, dass der Traumprinz irgendwann mal vorbeikommt und dass man dann zusammen ein Kind kriegt. Diese Frauen machen das, weil dieser Traumprinz nicht gekommen ist bzw. es nicht geklappt hat. Das Modell ist für sie zweite Wahl und da müssen die Männer dann, glaube ich, aufpassen, dass sich die Frau nicht wie ein Brutkasten fühlt, wie ein reines Mittel zum Zweck, weil sie alleine nun mal nicht ein Kind kriegen können. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Da sollte man auch wissen, welche Funktion oder welche Rolle man für sein Gegenüber hat. Und ich glaube, dass da auch Konfliktpotenzial drinsteckt, wenn die eine Seite enttäuscht ist, dass von der anderen nicht die Akzeptanz oder nicht die Unterstützung, die man sich wünscht, kommt. 

Marina: Es ist wahrscheinlich auch viel Kommunikation. Es ist ja eine Beziehung auf einer sehr emotionalen Ebene. 

Ina: Ja, genau. Ohne Kommunikation - Absprachen und einen offenen Dialog: Was will ich, was erwarte ich und was möchte der andere, funktioniert es nicht.

Martina: Waren die beiden Jungs dann bei der Geburt auch dabei? 

Ina: Nein. Der ursprüngliche Plan war, dass ich das mit einer engen Freundin, die auch Ärztin ist, zusammen mache. Weil ich halt auch dachte, ich kenne ihn nicht gut genug, ich bin ihm nicht nah genug, er ist nicht der Mensch, wenn ich die Schmerzen meines Lebens habe, der mir irgendwie helfen kann. 

Marina: Und das war auch okay für ihn?

Ina: Ja, ich glaube, da hat er sich dann von vornherein total rausgehalten, weil er wusste, das etwas ist, das ich für mich entscheiden muss.

Marina: Wie ging es danach für euch weiter?

Ina: Paul und Tom haben dann tatsächlich für das Wochenbett, ich glaube, das waren insgesamt sechs Wochen hier gewohnt. Das war toll und sehr luxuriös. Wenn ich morgens aufgewacht bin, habe ich eine SMS geschickt und dann hat einer der Jungs das Kind genommen, einer mein Frühstück gemacht und ich bin erst mal duschen gegangen. 

Marina: Das war alles vorher geplant?

Ina: Ja, genau und dann das erste Dreivierteljahr, also solange Max gestillt wurde und ich dann auch in Elternzeit war, sind sie jeden Abend hier vorbeigekommen. Wir haben zusammen gegessen, dann haben sie mit Max noch ein bisschen gespielt und dann haben sie ihn meistens ins Bett gebracht. 

Schwer wurde es dann für mich erst, als meine Elternzeit vorbei war und Max abgestillt war, weil wir gesagt haben, okay, dann dreht sich das ganze Modell um 180 Grad um. Dann wohnt Max für die Zeit, in der Paul Elternzeit hat bei den Jungs und ich komme dazu. Das war für mich dann zu schwer und ich habe es nicht geschafft. Insofern haben wir gesagt, okay, er ist nicht die ganze Zeit da und ich komme zu Besuch, sondern er ist zwei Tage da und den dritten dann wieder bei mir, sodass er jede dritte Nacht dann doch wieder bei mir schläft. Das haben wir dann für drei Monate gemacht und in diesen drei Monaten waren wir auch mehrere Wochen zusammen verreist. Als Pauls Elternzeit dann vorbei war, haben wir mit diesem Fifty Fifty Modell angefangen, wo man quasi täglich wechselt und sind dabei auch bis heute geblieben. 

Marina: Was heißt, täglich zu wechseln?

Ina: In der normalen Woche ist es so, dass Max montags und mittwochs von den Jungs abgeholt wird und dann auch da schläft, dienstags und donnerstags dann ich. Und die Wochenenden haben wir so geteilt, dass man ihn entweder Freitag und Sonntag hat oder am Samstag. Und dann ist es natürlich auch ab und zu so, dass man übers Wochenende mal mit ihm wegfahren will, dann spricht man das einfach ab, auch wenn etwas wegen Job oder Terminen getauscht werden muss. Aber grundsätzlich ist das so das Modell. Wir hatten uns vorher informiert, wie man das am besten mit den Wechseln macht und haben irgendwo gelesen, dass man den Rhythmus am Alter des Kindes orientieren soll. Wir haben aber gemerkt, dass es für uns mit diesem jeden Tag einfacher ist. Insofern haben wir jetzt gesagt, wir lassen das so, bis er von sich aus sagt, er hätte es gerne anders. 

Marina: Wie haben deine Familie und deine Freunde reagiert, als du ihnen von deinem Vorhaben erzählt hast? 

Ina: In Summe supergut. 

Marina: Freunde wahrscheinlich einfacher als Familie?

Ina: Andersrum.

Marina: Wirklich? 

Ina: Ja. Viele enge Freunde haben gesagt: Mach's doch lieber alleine, weil deine Eltern ja auch hier in Berlin sind. Du hast doch genug Unterstützung, du kannst das doch alleine wuppen. Du musst dich jetzt mit jemandem abstimmen, den du eigentlich gar nicht kennst. Aber das wollte ich von vornherein nicht.

Und meine Eltern? Meinen Eltern habe ich es erst erzählt als ich für mich die Entscheidung schon getroffen hatte und Paul auch schon kannte, da ich mich nicht von ihnen Eltern beeinflussen lassen wollte. Sie haben aber ganz gut reagiert. Meine Mutter meinte erst das wäre doch keine “richtige Familie”, aber dann hat sie sich einfach nur auf ein Enkelkind gefreut. Mein Vater war sehr viel zurückhaltender. Er hat sich alles angehört und hat dann gesagt, also mit schwul hatte er sowieso nie ein Thema und auch nicht, dass wir dann nicht zusammen sind. Er sagte nur, dass er nicht möchte, dass ich glaube, ich müsste ein Kind haben, weil meine Freunde alle Kinder haben, denn ein Kind krempelt dein ganzes Leben um und dass ich mit meinem aktuellen Leben ja nicht unzufrieden sei. Er wollte sicherstellen, dass ich das nicht mache, weil ich irgendwie meine, ich könnte ohne Kind nicht glücklich sein.

Marina: Wie haben sich deine Eltern in der Schwangerschaft verhalten? Hattest du ihren Support und haben sie Paul und Tom kennengelernt?

Ina: Kurz nachdem ich schwanger geworden bin, haben wir ein Kennenlernen-Essen für meine Eltern bei den Jungs gegeben. Danach waren meine Eltern total auf Paul fixiert und für sie war er “der perfekte Schwiegersohn”. Was ich in diesem Zusammenhang auch interessant fand, war, dass mein bzw. unser Modell im Freundeskreis meiner Eltern so gut ankam und bei meiner Großmutter-Generation ebenfalls. 

Marina: Wirklich?

Ina: Ja, das hätte ich auch nicht gedacht. Das ist ja eine Generation, wo Frauen oft bei einem Mann geblieben sind, obwohl es nicht so toll war. Ich hatte echt das Gefühl, dass sie dachten, krass, sie nimmt sich von so einem Mann nur das, was sie haben will. 

Marina: Spannend, aber nachvollziehbar. Das hätte ich jetzt nicht erwartet.

Ina: Jetzt komme ich natürlich auch aus einem eher liberalen Umfeld, was meine Eltern betrifft und meine Großeltern. Ich habe aber auch ansonsten bisher nie irgendwo erlebt, dass jemand das nicht gut fand oder abgelehnt hat. Bei mir ist es auch beruflich so, dass, wenn sich das irgendwie ergibt, ich relativ schnell sage, was für ein Modell es ist. Ich habe mich deswegen auch nie schlecht oder komisch gefühlt. 

Marina: Sollte du auch nicht. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ich finde es einfach nur mutig, das anzugehen. Ich glaube, es gibt für viele, die in einer ähnlichen Situation sind wie du es warst, immer noch eine Hemmschwelle, weil sie dann einfach aufgeben und sagen, okay, es hat nicht geklappt - dann sollte es nicht sein. 

Ina: Letztendlich muss es ja jeder für sich selbst wissen, aber ich finde es für Single-Frauen eine sehr gute Lösung, weil ich nicht glaube, dass alleinerziehend sein super ist. Kann man alles machen und geht sicher, aber ich glaube, es ist halt sehr, sehr, sehr anstrengend. Und ich habe natürlich auch in meinem Freundeskreis ein paar Freundinnen, die sagen, dass ihre Beziehung nicht so super läuft, sie aber schon Ende Dreißig sind und ein Kind wollen. Ich finde meinen Weg besser, als in einer nicht-funktionierenden Beziehung, ein Kind rein zu knallen oder jemandem eins anzuhängen. Da ist jemand da, der auch ein Kind will und dafür Verantwortung übernehmen möchte. Gerade bei Familyship kann man ja auch schauen, welches Modell, welche Aufteilung etc. - was passt zu mir. Und man hat diese verletzten Gefühle nicht, wenn man vorher mal ein Paar war. 

Marina: Das stimmt. Mich interessiert noch ein wenig euer Alltag. Wie macht ihr zum Beispiel Urlaub - gemeinsam oder getrennt?

Ina: Im Prinzip teilen wir es auf, aber im Moment noch nicht sonderlich lange. Also ich hätte jetzt schon die Bereitschaft zu sagen, je zwei Wochen. Die hat Paul nicht. Er ist bei maximal zehn Tagen, das ist aber auch okay für mich. 

Die ersten Jahre waren wir zusammen im Urlaub und jetzt hat jeder eine Woche. Die Jungs mal eine Woche im Frühjahr, ich mal eine Woche im Herbst. Die langen Ferien im Sommer fährt Max erst zehn Tage mit den Jungs weg und dann mit mir.

Marina: Wie ist es mit dir? Du hast aktuell keinen Partner, oder? Vermisst du das manchmal?

Ina: Ich war immer eher Single, insofern vermisse ich es nicht, aber ich hätte schon gern jemanden. In erster Linie natürlich für mich, dann aber auch wieder so ein bisschen für Max, weil ich manchmal denke, dass es für ihn auch nicht gut ist, wenn er so das absolute Zentrum in meinem Leben ist und da sonst keiner ist. Und man merkt, Max wünscht sich auch, dass hier noch mehr Leute sind. Ich möchte auch nicht, dass Max sich für mich verantwortlich fühlt - weil er denkt, Mama hat niemanden und ist alleine, wenn ich bei Papa und Papi bin. Max

kriegt jetzt sowieso extrem viel Aufmerksamkeit, auch durch dieses Wechselmodell. Du hast halt immer mega Bock auf ihn, wenn er kommt. Überall wo er hinkommt, ist er das Zentrum der Aufmerksamkeit und insofern fänd ich es schon ganz gut, wenn er sich irgendwie meine Liebe und meine Aufmerksamkeit mit jemand anderem teilen müsste. Und dann habe ich auch Angst, dass ich irgendwann so krass an ihm klammere, wenn er dann anfängt, als Teenager wegzugehen und ich dann jeden Abend hier sitze und nur warte. 

Marina: Wenn du noch mal zusammenfassen könntest, was sind aus deinen Erfahrungen die Top drei für andere Frauen, die in ähnlichen Situationen sind, aber vielleicht noch zu gehemmt, um sich dieses Modell anzuschauen oder einen ersten Schritt zu wagen? Und gibt es auch etwas, was dagegen spricht? 

Ina: Was dagegen spricht: Man muss halt wissen, dass man sich jemanden in sein Leben reinholt, der wie ein Partner dann auch nicht mehr weggeht. Und du musst dich dann, bis das Kind volljährig ist, immer mit dem auseinandersetzen. Man muss Entscheidungen gemeinsam treffen und etwas, was einem sehr kostbar ist, teilen. Und man muss auch damit leben, dass an Tagen oder in Situationen, wo man das Kind gern bei sich hätte, es nicht da ist. Man muss sich einig sein, aber das ist bei “normalen” Familien ja auch nicht anders. Aber das muss einem schon klar sein. Man kann dann halt nicht mehr alles alleine entscheiden und nur machen, wie man selber will, sondern da ist noch jemand anders. Und was dafür spricht, ist die Unterstützung, dass das Kind einen Vater hat und für mich ein Vorteil ist tatsächlich auch dieses Wechselmodell, diese Entlastung. Max hat in seinem Leben z.B. noch nie einen Babysitter gehabt. Aber natürlich auch dadurch, dass wir zu dritt sind. Das Kind ist immer sehr gut betreut. Und für mich ist es halt tatsächlich von Vorteil, dass ich jeden zweiten Tag für mich habe. Also ich habe nicht das Gefühl, dass ich aufgrund des Kindes zum Beispiel sozial auf irgendwas verzichten muss. Ich musste noch nie eine Party absagen, auf die ich gehen wollte, weil ich das Kind habe, entweder ist es sowieso nicht mein Abend oder ich tausche. Insofern gibt es dir schon die Möglichkeit, eine Familie und ein Kind zu haben. Und auf der anderen Seite trotzdem dein Single-Leben weiterzuführen und natürlich sind auch berufliche Freiheiten möglich, die ich nicht alleinerziehend hätte.

Marina: Und ich habe noch eine Frage. Wir sprechen ja, wenn wir unter Frauen sind, auch immer vom mental load und in vielen Familien ist es ja häufig so, dass dieser primär bei den Frauen ist. Wie ist das bei euch?

Ina: Das ist bei uns gar nicht der Fall. 

Marina: Meinst du, das ist, weil es ein schwules Pärchen ist? Weil die da eh näher dran sind, oder weil du einfach Glück gehabt hast?

Ina: Beides. Ich glaube durch diese Gleichberechtigung an sich und dann ist Paul auch so ein Typ, der sich in diesen Bereichen sehr gern einbringt, den Überblick behält und mit dabei sein will. Bei uns hat es sich so ein bisschen eingebürgert, dass ich zu den Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen gehe, was aber auch daran liegt, dass meine Freundin unsere Kinderärztin ist und Paul macht Zahnarzt und Friseur. 

Marina: Und hattet ihr in diesem Zusammenhang Differenzen oder seid ihr euch bei Entscheidungen bisher immer einig gewesen?

Ina: Es gab noch nicht so viele so bahnbrechende Entscheidungen. Alles was Krankheiten oder Impfungen betrifft, waren wir uns einig. Ich sage immer so, dass wir eigentlich in dieselbe Richtung laufen, nur teilweise mit unterschiedlicher Intensität. Gerade was so gesundes Essen und wenig Süßigkeiten betrifft, ist Paul viel strenger als ich. Er findet z.B. im Sommer jeden Tag ein Eis übertrieben. Aber da ist es auch so, dass er weiß, dass es bei mir anders ist. Aber er hat, glaube ich, auch das Vertrauen darauf, dass ich Max jetzt nicht jeden Tag nur Zucker gebe. Es ist ein bisschen anders als bei ihm, aber jetzt auch nicht in der Art und Weise, dass es in Diskussion oder Streit ausartet. Ich glaube, man sollte grundsätzlich in die gleiche Richtung gehen. Es sollte vorher schon abgeklärt werden, ob man grundsätzlich gleich tickt. Ich finde, das merkt man aber auch recht schnell. Als ich am Anfang bei Paul und Tom zu Hause war, habe ich mich natürlich so ein bisschen umgeguckt, was lesen sie für Zeitungen, lesen sie überhaupt und wie leben sie und passt das einigermaßen zu dem, was ich selber möchte. Und natürlich, ob du dein Kind in der Wohnung sehen kannst. Man muss ja auch selber wissen, was man für ein Typ ist. Also man muss auch wissen, wo kann ich denn was abgeben? Find ich es okay, wenn jemand anders es ein bisschen anders macht? Oder muss ich da über alles die Kontrolle haben?

Ich muss aber auch wirklich sagen, dass ich mit den Jungs sehr viel Glück gehabt habe. Man muss immer Kompromisse finden. Es ist eine Beziehung auf einer anderen Ebene und es ist wichtig vorher abzuklären, ob man wohl grundsätzlich in der Lage ist, sich zu einigen und dann muss man sich darauf einstellen, dass man sich halt ständig einigen muss. 

Marina: Und habt ihr vorher rechtliche Dinge mit einem Vertrag abgestimmt? 

Ina: Nein, aber ich war ja bei diesem Familienrechts-Freund von mir und habe mich beraten lassen. Es ist grundsätzlich so: Man kann vertraglich etwas festhalten, aber du kannst keinen Vertrag übers Kinderkriegen schließen, sondern es gilt das Familienrecht und da war ich relativ beruhigt, weil ich aber auch grundsätzlich finde, dass das Familienrecht sich in Deutschland sehr stark am wohl des Kindes orientiert. Wir haben irgendwann mal aufgeschrieben, wie wir das so handhaben wollen, wenn Max z.B. über Nacht krank wird. Wer ist dann verantwortlich - derjenige, bei dem er die Nacht verbracht hat, oder derjenige, zu dem er dann kommt. Wer bleibt zuhause? So etwas hatten wir erst nicht geregelt und gerade in der Corona-Zeit hat hier einiges an Konfliktpotential offenbart. 

Marina: Wie habt ihr euch dann geeinigt?

Ina: Da haben wir dann gesagt, dass es in solchen Fällen bis mittags gilt. Wenn er heute Morgen krank gewesen wäre, dann wäre ich jetzt verpflichtet gewesen, ihn bis Mittags zu betreuen, damit Paul noch Zeit hat, auch bei der Arbeit Bescheid zu sagen, dass er heute nicht kann oder früher gehen muss und ab mittags müsste er dann übernehmen. 

Marina: Okay, super - vielen Dank für das tolle Gespräch, das waren ja wirklich viele Infos und ich denke, wir bzw. du hast einen tollen Überblick geben können. 

Ina: Sehr gern, ich fand es auch sehr angenehm.